„Wann hat die Ukraine eigentlich zu Russland gehört?" Diese Frage bekomme ich in Leserkommentaren so regelmäßig, dass ich sie irgendwann in einer eigenen Notiz beantwortet habe. Und jedes Mal, wenn ich die Notiz hervorhole, fällt mir auf: Die Frage selbst ist schon schief gestellt. Genau darum lohnt sich ein Blick auf die russische Geschichte – nicht als Abfolge von Jahreszahlen, sondern als Geschichte von Grenzen, die sich ständig verschoben haben, und von Namen, die sich noch öfter geändert haben.
Wer heute von „Russland" spricht, meint einen Staat, der seit dem 25. Dezember 1991 in dieser Form existiert. Wer „russische Geschichte" sagt, meint meist etwas ganz anderes: ein über tausend Jahre altes Knäuel aus Fürstentümern, Zarenreich, Imperium, Sowjetunion. Ich habe beim Schreiben dieses Artikels mehrfach die Karte gewechselt, weil ich selbst durcheinanderkam – und ich behaupte, das geht den meisten so.
Wichtige Erkenntnisse
- Der heutige Staat Russland ist seit 1991 eine Föderation – davor hieß er Sowjetunion, davor Russisches Imperium, davor Zarenreich.
- Der Name „Rossija" stammt vom byzantinischen Griechenland, nicht von den Russen selbst.
- Das mittelalterliche Zentrum lag in Kiew – nicht in Moskau.
- Die Ukraine war nie ein „Teil Russlands" im heutigen Sinn, sondern über Jahrhunderte ein eigener Raum mit eigener Sprache und eigener Kirche.
- Wer die russische Geschichte verstehen will, muss aufhören, sie von Moskau aus zu denken.
Russland Geschichte einfach erklärt: warum die Jahreszahlen allein nichts verraten
Die klassische Aufzählung kennt jeder, der einmal eine Geschichts-Doku gesehen hat: Kiewer Rus, Mongolen, Moskau, Zar, Imperium, Sowjetunion. Bleistift. Das ist, als würde man die Geschichte Deutschlands mit „Heiliges Römisches Reich, Kaiserreich, Weimar, NS, BRD" abhaken und dann behaupten, man habe das Land verstanden.
Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, für einen eigenen Vortrag eine Zeitleiste zu bauen, und dabei einen einfachen Test angewendet: Kann ich jede Epoche in einem Satz erklären, ohne Namen auszulassen, die eigentlich dazugehören? Bei zwei Stationen bin ich damals hängengeblieben – bei der Frage, wer überhaupt „die Russen" waren, und bei der Frage, welche Gebiete wann dazukamen und wieder wegfielen.
Der Zeitstrahl, kompakt – mit einer Einschränkung
| Zeitraum | Bezeichnung | Zentrum |
|---|---|---|
| ab ca. 860 | Kiewer Rus | Kiew |
| 1240–1480 | Zeit der „Goldenen Horde" (Mongolenherrschaft) | Sarai an der Wolga |
| ab 1478 | Großfürstentum Moskau | Moskau |
| 1547–1721 | Zarenreich | Moskau, später Petersburg |
| 1721–1917 | Russisches Imperium | Sankt Petersburg |
| 1922–1991 | UdSSR | Moskau |
| seit 1991 | Russische Föderation | Moskau |
Die Einschränkung, die ich oben angekündigt habe: Jede dieser Zeilen enthält eine Verkürzung. Die Mongolenherrschaft war nicht durchgehend, sondern eine Tributherrschaft mit Phasen der Unabhängigkeit. Und der Sprung von Kiew nach Moskau war keine Verlagerung des Hauptsitzes – es waren zwei verschiedene Machtzentren, deren Herrscherhäuser sich über Jahrhunderte hinweg entfremdeten. Wer hier genau hinschaut, versteht plötzlich, warum der Streit um die Kiewer Rus bis heute politisch aufgeladen ist.
Woher kommt das russische Volk?
Die ehrliche Antwort: Es gibt keinen einzelnen Ursprungspunkt, an dem „das russische Volk" plötzlich da war. Was es gab, waren ostslawische Stämme im Raum zwischen Dnjepr, Wolga und Ostsee, und daneben eine ganze Reihe anderer Völker – finno-ugrische Gruppen im Norden, Turkvölker in der Steppe, Skythen und später Waräger (skandinavische Händler und Krieger). Aus diesem Gemisch entstand über mehrere Jahrhunderte eine gemeinsame Sprache und Kultur, aus der später Russen, Ukrainer und Weißrussen hervorgingen.
Ich habe vor Jahren versucht, für einen eigenen Text die „Gründung" zu datieren, und bin gescheitert. Der Grund: Die Jahreszahl 862, die in vielen Büchern steht, stammt aus der Nestorchronik – einer Quelle, die etwa 250 Jahre später verfasst wurde und die Ankunft der Waräger beschreibt. Das ist keine Gründungsurkunde, sondern eine Erzählung, die einen Herrschaftsanspruch begründen sollte.
Warum „die Russen" erst spät zu einer Nation zusammengeschmolzen
Und dann das Ding, das mich am meisten überrascht hat: Noch im 19. Jahrhundert war „russisch" für einen Großteil der einfachen Bevölkerung etwas anderes als für die Beamten in Petersburg. Bauern identifizierten sich mit ihrem Dorf oder ihrer Kirche, nicht mit einem Staat. Erst Schulpflicht, Eisenbahn und Militärdienst haben aus einem Vielvölkerreich so etwas wie eine Nationsbildung gemacht.
Kurz gesagt: Das russische Volk ist nicht aus einer Wurzel gewachsen, sondern aus vielen – und die Geschichte, die davon erzählt, ist selbst ein Produkt des 19. und 20. Jahrhunderts.
Wie hieß Russland vor 1917?
Russisches Imperium – seit 1721 offiziell Rossijskaja imperija. Und davor, von 1547 bis 1721, hieß es Zarstvo Russkoje, also Zarenreich. Der Titel des Herrschers war dabei entscheidend: Iwan IV. ließ sich 1547 zum Zaren krönen, Peter der Große tauschte 1721 den Zaren gegen den Kaisertitel – eine bewusste Anlehnung an Byzanz und Rom.
Zar oder Kaiser – warum der Namenswechsel politisch war
Das klingt nach einem Detail für Historiker, war aber eine außenpolitische Erklärung: Peter der Große beanspruchte einen Rang, der über dem eines Fürsten lag, und stellte sich damit auf eine Stufe mit den Herrschern Westeuropas. Der Name „Russland" selbst existierte in dieser Form übrigens gar nicht – das Land hieß offiziell „Rus" oder eben „Rossija", abgeleitet über das griechische „Rhosia" vom Wort „Rus" und nicht von einer russischen Eigenbezeichnung.
Wer beim Lesen alter Karten ins Grübeln kommt: „Russland" ist ein Fremdname, den das Land über den Umweg über Byzanz bekommen hat. Ich habe für eine Präsentation damals drei verschiedene Karten aus dem 18. Jahrhundert verglichen, und keine davon beschriftete das Reich so, wie wir es heute tun würden.
Was hat früher alles zu Russland gehört?
Hier wird es spannend – und unübersichtlich. Das Russische Imperium um 1900 war ein Vielvölkerstaat, in dem Russen nur etwa die Hälfte der Bevölkerung stellten. Zu ihm gehörten Polen, Finnland, die baltischen Provinzen, Georgien, Armenien, Teile Mittelasiens, Bessarabien. Und das war nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall.
- Finnland – 1809 bis 1917 als Großfürstentum, mit eigener Verfassung
- Polen – in Teilen ab 1772, als „Kongresspolen" ab 1815
- Georgien – ab 1801 schrittweise angegliedert
- Zentralasien – Taschkent, Samarkand, Buchara ab den 1860er-Jahren
- Bessarabien – 1812 vom Osmanischen Reich abgetreten
1970
Nein, Moment – das war die Sowjetunion, und ein Blick auf deren Landkarte zeigt dasselbe Muster noch einmal: 15 Unionsrepubliken, dazu ein Bündel autonomer Gebiete, die nach innen durchaus eigene Sprachen und Eliten hatten. Was heute „russische Einflusssphäre" heißt, war über weite Strecken schlicht Verwaltungsgebiet.
Das Vielvölkerreich war die Regel, nicht die Ausnahme
Mich hat beim Lesen alter Statistiken eine Zahl nicht losgelassen: Um 1900 sprach in den Städten des Imperiums ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht Russisch als Muttersprache. Sprache war also nicht das Bindemittel, das den Staat zusammenhielt – das waren Militär, Bürokratie und der Zar. Als 1917 alle drei wegfielen, zerfiel das Reich in kürzester Zeit in Dutzende politische Gebilde.
Bis wann hat die Ukraine zu Russland gehört?
Die Frage klingt harmlos, ist aber eine Fangfrage – weil sie voraussetzt, dass die Ukraine ein Teil Russlands war. War sie nicht. Was es gab, war eine Abfolge von Teilungen und Eingliederungen ganz unterschiedlicher Gebiete mit ganz unterschiedlichen Zeitpunkten:
| Gebiet | Anschluss an Russland bzw. UdSSR |
|---|---|
| Linksufrige Ukraine (östlich des Dnjepr) | 1667 im Vertrag von Andrussowo |
| Rechtsufrige Ukraine | 1793 bei der Zweiten Teilung Polens |
| Westukraine (Galizien, Wolhynien) | 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt, endgültig 1945 |
| Krim | 1783 annektiert, 1954 an die Ukrainische SSR übertragen, 2014 von Russland annektiert |
Und das ist die Antwort auf die Frage: Es gibt kein einzelnes Datum, an dem die Ukraine „aufhörte", zu Russland zu gehören, weil sie nie als Ganzes dazugehörte. Die Westukraine war über Jahrhunderte polnisch, österreichisch, tschechoslowakisch – Kiew selbst war vor 1667 ein Zentrum, das Moskau politisch nichts schuldete.
Warum die Kiewer Rus bis heute ein Streitfall ist
Hier liegt der Kern, an dem sich seit Jahren die Gemüter erhitzen: Russland beruft sich auf die Kiewer Rus als „Wiege" der eigenen Staatlichkeit, die Ukraine tut es aber genauso – und die Ukraine hat für sich den Vorteil, dass Kiew nun mal in der Ukraine liegt. Ich habe bei Diskussionen zu diesem Punkt die Erfahrung gemacht, dass die Jahreszahl 988 (Christianisierung) sofort politisch wird, egal in welchem Kontext man sie nennt.
Meine Meinung nach langer Beschäftigung damit: Die Kiewer Rus ist weder das eine noch das andere, sondern ein gemeinsames Erbe, aus dem mehrere Völker hervorgegangen sind. Wer sie für eine Seite allein reklamiert, betreibt Geschichtspolitik – und das ist etwas grundlegend anderes als Geschichte.
Russland Geschichte für Kinder – was man weglassen kann und was nicht
Ich habe vor einiger Zeit versucht, die russische Geschichte für einen zwölfjährigen Neffen in einer halben Stunde zusammenzufassen, und dabei gemerkt, wie viel Ballast man abwerfen kann. Was übrig bleibt: Ein großes Land, viele Völker, ein Herrscher, der sich immer mehr Macht nahm, und der Versuch, aus einem riesigen Raum einen einheitlichen Staat zu machen.
- Die Waräger kamen aus Skandinavien und wurden von den slawischen Stämmen als Herrscher gerufen – so erzählt es die Chronik.
- Die Mongolen herrschten nicht direkt, sondern ließen sich Tribut zahlen.
- Moskau wuchs, weil es Steuern für die Mongolen einzog und dabei selbst reich wurde.
- Peter der Große baute eine neue Hauptstadt an einem Sumpf, um „nach Europa zu schauen".
- 1917 endete die Monarchie, 1991 die Sowjetunion.
Was man auf keinen Fall weglassen sollte: dass Russland zu keinem Zeitpunkt ein Nationalstaat im westeuropäischen Sinne war. Das ist der Punkt, an dem Kinder (und viele Erwachsene) anfangen zu verstehen, warum die Geschichte dieses Landes so anders verläuft als die Frankreichs oder Großbritanniens.
Was ich nach Jahren mit diesem Thema anders sehe
Ich habe früher gedacht, russische Geschichte sei eine Geschichte von Herrschern – von Iwan über Peter bis Stalin. Heute sehe ich darin vor allem eins: eine Geschichte davon, wie ein Staat mit einem riesigen Raum und einer bunten Bevölkerung umgeht. Mal durch Toleranz, mal durch Zwang, meistens durch beides gleichzeitig.
Wer also fragt, „was früher alles zu Russland gehörte", fragt eigentlich nach etwas Größerem: Wer durfte dazugehören, wer wurde einverleibt, wer durfte wieder gehen? Diese Frage ist nicht abgeschlossen. Sie wird gerade jetzt verhandelt, auf Landkarten und in Schulbüchern. Und das ist der Grund, warum ich mich mit diesem Thema nicht langweilig werde – auch wenn ich beim nächsten Leserkommentar zur Ukraine garantiert wieder mit einer Tabelle anfange.